Dies ist ein Schreibexperiment. Ziel ist es eine Geschichte in zwei Epochen zu schreiben. 

Momentaner Stand: 120485 Zeichen, 19335 Wörter und 85 Normseiten.

Über Eure Meinung würde ich mich sehr freuen. Doch lest selbst.

Ein Blick in die Zukunft ins Jahr 5028

 

Mit großen Schritten trat er ins Freie. Eisiger Wind schlug ihm ins Gesicht. Zerrte an den dünnen Stofffetzen, die er am Leib trug. »Beim heiligen Borea!« Tränen traten Jacob in die Augen. Es grenzte an Selbstmord, den Schutz der Burg zu verlassen. Geduckt setzte er einen Fuß vor den anderen. Er würde sich beeilen müssen.
Schützend bedeckte Jacob mit dem Arm das Gesicht. Die Feuertonnen waren schon längst erloschen. Die Flammen hatten sich zur Ruhe gelegt. Vereinzelt stieg noch schwacher Rauch aus ihren rostigen Bäuchen hervor.
Jacobs Zehe wurden taub. Prickelten wie die Einstiche unzähliger Injektionsnadeln. Das Atmen fiel ihm schwer. Seine Lungen brannten. Er musste zum Stall. Es war die Zeit des königlichen Nordwindes.
Eine tödliche Zeit. Weißgekleidete Reiter jagten auf dampfenden Rössern durch die Stille der Nacht. Sie waren hungrig. Kannten kein Erbarmen. Ausdruckslos enthaupteten sie jeden, der ihnen über dem Weg lief. Sie bemalten ihre Gesichter mit dem warmen Rot. Benetzten die Lider. Führten es an ihre Lippen, um es langsam die Kehlen hinab laufen zu lassen. Die weißen Reiter tranken das Blut ihrer Opfer. Es schenkte ihnen Macht. Wenn sie das samtige Blut tranken, fühlten sie sich für einen Moment lebendig. Kosteten für kurze Zeit die Träume der ehemals Lebenden.
Borea war ein Schreckensherrscher ohne Gnade. Mit seinen eisigen Fingern riss er selbst die stolpernden Herzen aus der Brust unschuldiger Kinder. Man sagte, er habe sich die Zähne spitz feilen lassen, damit er die Muskelfasern besser zerreißen konnte. Die wenigsten überlebten ohne Schutz die Zeit des Nordwindkönigs. Es grenzte an Selbstmord sich nach der Dämmerung außerhalb schützender Mauern zu bewegen. Seine Jäger konnten die warme Haut eines Menschen auf zehn Meilen riechen.
Blödsinn, Jacob schüttelte den Kopf. Er hatte zu oft beim alten Grimwald gesessen und seinen Geschichten gelauscht. Schauermärchen für kleine vorlaute Jungs, an düsteren, eisigen Tagen. Noch zehn Schritte.
Neun, acht.
Ein Knacken durchbrach die Dunkelheit. Gänsehaut kroch Jacobs Rücken hinab.
Sieben, sechs.
Fest heftete Jacob den Blick auf das stumme Gebäude vor sich.
Knirschender Schnee. Ein Schnauben.
Fünf, vier, drei.
Jacobs Atem drang stoßweise zwischen den Lippen hervor. Blut rauschte in seinen Ohren. »Boreas gibt es nicht.« Das Flüstern drang kaum hörbar aus Jacobs Mund. Ähnelte einem Seufzen.
Zwei, eins ...
Eisige Hände krallten nach Jacob. Verfingen sich in der abgewetzten Jacke. Hufe schlugen auf die gefrorene Erde. Trommelten ein wildes Staccato. Ein Summen hing in der Luft. Mit aufgerissenen Augen starrte Jacob auf die dampfenden Nüstern eines Kaltbluts. Schaum troff aus seinem Mund. Gurgelnd tastete Jacob nach der Stalltür. Fühlte das raue Holz unter den Fingerspitzen. »Lotte«, krächzte er. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. »Lotte...« Kraftlos sackte Jacob zu Boden. Schlug mit den Knien auf das gefrorene Erdreich. Unter der Schneedecke ertastete er ein winziges Pflänzchen. Das erste Schneeglöckchen in diesem Jahr. Lächelnd schloss Jacob die Augen. Bald würde der Frühling kommen. Ein Frühling für Elli.
»Schlaf nicht ein!« Ein Klatschen, gefolgt von einem derben Stoß. Jacobs Wange brannte. »Steh auf, wenn du leben möchtest.« Zitternd stemmte sich Jacob auf alle viere. Dort wo er sich aufstützte, färbte sich der Schnee rot. Mit letzter Kraft zog er sich über die Schwelle des Stalls. Robbte ins Innere des Heulagers.
»Boreas!« Schreiend griff sich Jacob an den Hals. »Pssst, sei leise. Du darfst nicht reden. Dein Hals ist von innen verätzt. Das war nicht Boreas. Das waren die Dämpfe. Eine üble Mischung einer biologischen Kampfgaswaffe. Vernebelt die Sinne und erzeugt Halluzinationen. Hat man dir nicht beigebracht, dass man nachts nicht das Haus verlässt? Der Kopf des Morgan Palace hat zur Säuberung Aufständischer aufgerufen. Ein Wunder, dass du noch nicht tot bist.« Die Stimme verstummte. »Hier trink.« Matt schüttelte Jacob den Kopf. Das Letzte was er jetzt wollte war trinken.
»Sag mal bist du so dumm oder tust du nur so? Das ist frische Stutenmilch. Legt sich schützend um dein rohes Fleisch.« Blinzelnd öffnete Jacob den Mund. Suchte die Umgebung ab. Konnte aber seinen Retter nicht erkennen. Die Welt um ihn herum, war ein brauner Fleck zerlaufender Farbe.
»Es wird besser werden«, sagte die Farbenstimme. Bestimmt drückte sie Jacob die Schale an den Mund. »Und nun Schlaf. Du wirst deine Kraft noch brauchen.«

Die selbe Szene in der Zeit des Mittelalters

 

Vorsichtig zog Jakob das Fell tiefer ins Gesicht. Die Augen zu schmale Schlitze verengt, spähte er den finsteren Gang entlang. Wie oft schon war er mit geschlossenen Augen durch die Gänge der Burg gelaufen. Oft genug, um nun sicher den Ausgang zu finden.
Eisiger Wind schlug ihm entgegen, als er mit zusammengebissenen Zähnen die Tür aufstieß. Laut heulte er in das Innere der Burg.
»Beim heiligen Boreas«, keuchte Jakob auf. Tief zog er den Kopf zwischen die Schultern. Verstohlen schaute er sich um. Eis hagelte auf ihn nieder. Schnitten in seine Haut. Innerhalb von Sekunden gefroren seine Füße.
Ein Wimmern drang über Jakobs lila gefärbte Lippen. Was sollte er tun, wenn der König des Nordwindes plötzlich vom Himmel fliegen würde? Er und das Herr der Schlächter? Boreas war für seine Kälte und seiner Unnachgiebigkeit bekannt. Auch sagte man ihm Unbeherrschtheit und Jähzorn nach. Die Menschen hatten Angst vor ihm. Jakobs Zähne schlugen aufeinander. Ein Geräusch, das im Brüllen des Sturms unterging.
So schnell er konnte, rannte er über den Hof Richtung den Stallungen. Er schaute nicht nach links und nicht nach rechts. Nur auf seine kleinen, nackten Füße, die platschend in den Schlamm versanken. Er musste sich beeilen.
»Lotte«, keuchte er. Jakobs Finger stemmten sich gegen die Stalltür. Glitten am rauen Holz entlang. Keine 50 Zentimeter und er würde in Sicherheit sein.
Doch die Tür, sie klemmte. Schwach trommelte Jakob gegen das Türblatt. Die Augen aufgerissen. Den Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet. Sämtliche Worte, die seinen Lippen entkamen, fielen als gefrorene Lautflocken zur Erde und zersplitterten ungehört.
»Lotte!« Kraftlos sank Jakob zu Boden. Schlug mit den Knien auf das gefrorene Erdreich auf. Jakob rollte sich zusammen. Lauschte seinen langsam werdenden Herzschlag. Schloss die Augen. Er war so müde. So müde.
»Steh auf!« Klebrig drangen die Worte an Jakobs Gehirn. »Du sollst aufstehen, habe ich gesagt.« Derb wurde er in die Höhe gezerrt. Jakob wollte ja aufstehen. Aber er konnte sich nicht bewegen. »Schlafen«, murmelte er. Taumelnd setzte er einen Fuß vor den anderen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, als er das Innere des Stalls erreichte. Stumpf stach das Stroh in seine Fußsohlen. Laut schlugen seine Zähne aufeinander. Stöhnend senkte Jakob den Blick. Starrte auf seine blauen Füße. Sie waren taub vor Kälte. Vorsichtig wackelte er nacheinander mit den Zehen. Ein Wimmern drang über seine Lippen, als ein brennendes Stechen ihn durchzuckte. Er musste unbedingt die Füße wärmen, wollte er die Zehen nicht verlieren.
»Lotte«, wimmerte er. »Bitte helf mir.« Weinend fiel Jakob auf die Knie. Der Schmerz wurde übermächtig. Schnürte ihm den Atem ab. Schluchzend krabbelte er in Lottes Box. Drückte sich dicht an das dicke Pony. Die Füße steckte er in die frischen Pferdeäpfel, die dampfend neben ihm lagen.
»Wir sollten warten, bis die Sonne durch die Wolken bricht«, stotterte Jakob. Schnaubend pustete Lotte ihren warmen Atem in Jakobs Nacken.